
Segeln ist immer und konstant etwas „Himmel“ und etwas „Hölle“ zugleich. Ein entspannter Segelausflug kann schnell zu einer Flucht vor dem Gewitter werden, eine Regatta zur zehrenden suche nach Wind und ein Urlaubstörn zu einem unsicheren Abenteuer. Segeln ist und bleibt eine komplexe, aufwendige Outdoor-Sportart, die im Rahmen einer Crew, auf engem Raum ausgeübt wird. Segeln findet in zwei physikalischen Umgebungen gleichzeitig statt – Wasser und Luft und folgt dabei den Gesetzen der Hydrodynamik. Material und Infrastruktur sind durchaus aufwendig – das Boot selbst und deren Aufbau, die Marina oder Steganlage, die Wartung etc. Als Outdoorsportart ist das Wetter eine zentrale Komponente, die sich in Planung, Ausrüstung und Sicherheit niederschlägt. Und dann haben wir noch unsere sozialen Rahmenbedingungen – Eine Crew auf engem Raum.
Fasst man alles zusammen, behaupten manche Autoren und Sporttrainer zu recht, Segeln sei die komplexeste Sportart überhaupt. Segeln bedeutet eine ständige Auseinandersetzung mit u.a. Wetter, Material, Gruppenstrukturen, persönlichen Bedürfnissen und Anpassungs- bzw. Lernprozessen. Diese Komplexität bringt es mit sich, dass wir die Anforderungen an uns selbst gerne unterschätzen.

Um die Komplexität beim Segeln zu verstehen, wollen wir Segeln anderen Sportarten gegenüberstellen. Jede Aktivität hat ihr Umfeld, das berücksichtigt werden muss, je mehr differenzierbare Kriterien wir zuordnen können, desto Komplexer sind unsere Anforderung bzgl. Bewegungsabläufe, taktischen Überlegungen und sozialer Mechanismen. So können wir sportliche Tätigkeiten u.a. nach deren Aufwand bei der Ausrüstung, Einfachheit in den Regeln und Erlernbarkeit, Anzahl der beteiligten Personen oder Gruppen bewerten. Ein Jogger benötigt wenig Ausrüstung, braucht keine Abstimmung mit anderen und, das Laufen ist grundsätzlich leicht zu erlernen. Ein Radfahrer benötigt schon etwas mehr.
Schließlich kommen wir zu den involvierten Teilnehmern. Es ist natürlich ein Unterschied, ob wir ein Team von zwei oder von 10 Mitgliedern koordinieren müssen. Die Interaktionsmöglichkeiten steigen exponentiell. Ebenso sind die Aufgaben bei größeren Teams vielseitig unterschiedlich, was eine komplexere Rollenverteilung mit vielen alternativen ermöglicht bzw. notwendig macht. … etc… Nach diesen Mustern können wir unser Segelabenteuer nach seiner Komplexität abchecken: Tagesausflug zu zweit oder Regatta mit einer 5er-Crew?

Alle Parameter gleichzeitig zu berücksichtigen ist schier unmöglich. Deswegen strukturieren wir unser Segelabenteuer, ähnlich wie wir es mit komplexeren Aufgaben zu Hause oder im Beruf tun. Haben wir mal eine Struktur können wir effizienter Entscheidungen treffen und handeln. Fürs Segeln können die Komplexität zwischen drei sich ergänzenden Begriffspaaren aufspannen, zwischen denen wir ein Gleichgewicht suchen – drei Paare, die ständig zwischen Ent- und Anspannung schwingen. Wir haben mal das Paar „Strömung und Balance“, das die Themen rund um das Erlernen des Segeln umfasst. Mit dem Paar „Natur und Technik“ spannen wir einen Bogen zwischen den Natürlich gegebenen Bedingungen und unsere Ausrüstung bzw. unseren Sicherheitsmaßnahmen. Und nicht zuletzt packen wir unsere persönliche und soziale Disposition unten den Begriffen „Freiheit und Verantwortung“. Jedes dieser Paare kann Zufriedenheit geben und in jedem ist ein Stück Glück zu finden. Ziel dieser Übung ist es, Komplexität zu ordnen und zu reduzieren.
Wir lassen dies einmal so stehen. Jetzt fragen wir uns, wie bringen wir unsere Sehnsüchte von der „Weite“, dem „Entdecken neuer Welten“, der „Traumbucht“, die „Elemente zu spüren“, die „Elemente zu beherrschen“ etc. mit den realen Anforderungen an Bord zusammen? Wie nähern wir uns dieser Komplexität an? Wir benötigen offensichtlich zusätzliche Erkenntnisse neben Segelkunde und nautischem Wissen.
Als ich mit Segeln in Berührung kam war ich in der Medienbranche beruflich tätig und hatte somit einen sehr stark kommunikationstheoretischen Zugang gefunden. Also im Sinne von Gruppendynamik, Persönlichkeitsentwicklung, Strukturierung an Bord etc… Dieser Einstieg hat mir sehr geholfen in relativ kurzer Zeit Segel zu lernen. Denn es handelt sich um eine sehr stark vernetzte Aktivität zwischen Vorausschauen, den Augenblick fühlen, Schlussfolgern und Umsetzen. Im Verlauf meiner seglerischen Tätigkeit – privat und beruflich – habe ich immer mehr die mentale Seite beim Segeln entdeckt. Ein Segelboot ist die optimale Spielwiese, um an seinen mentalen Stärken zu arbeiten und gleichzeitig benötigen wir diese, um beim Segeln gut zu sein bzw. Erfüllung zu finden. Wenn man so möchte handelt es sich um ein „Geben“ und „Nehmen“: wir lassen uns ein und bekommen persönliches Wachstum. Ein guter Deal, oder?
Am Boot haben wir viele äußere Gegebenheiten, die wir nicht verändern können. Wir können Poseidon nicht manipulieren, weswegen wir es auch nicht versuchen sollten. Wir müssen akzeptieren, was ist. Segeln ist eine wunderbare Schule, die uns das Hier und Jetzt lehrt. Zu akzeptieren was ist, ist eine der zentralen Schlüssel beim mentalen Training. Jedes Ego wird den Kampf gegen Wind und Welle verlieren.
Wir werden also unser Ego etwas bei Seite stellen und unsere Mitte suchen. Obwohl viele unserer Handgriffe einer Erfahrungswissenschaft entspringen, so ist es doch das Gefühl für den Augenblick, das was uns konstant fordert. Wir greifen auf erlernte und erfahrene Routinen zurück, die wir aber auf jede einzelne Situation anpassen müssen. Daher der Spruch „Segeln geht vom Po aus“.
Wenn wir unser Boot unter Einfluss von Wind und Welle manövrieren, ist Routine notwendig. Um diese zu bekommen haben wir Kurse besucht und Trainingstörns absolviert. Doch im Endeffekt ist es die aufmerksame Wahrnehmung der aktuell vorhandenen Möglichkeiten, die uns Erfolgreich in den Heimathafen zurückbringt. Es ist unsere Fähigkeit Achtsamkeit umzusetzen. Es helfen uns keine Scheine und Zeugnisse, wenn wir die Situation nicht spüren, nicht annehmen. Wir möchten das „Hier und Jetzt“ wahrnehmen, fühlen, aufnehmen, in uns durchdringen lassen und begreifen.
Weiters werden wir das Potenzial der Crew als Gesamtheit stärken. Eine erfolgreiche Crew ist Struktur, Kooperation, Vertrauen und Freundschaft zugleich – eine Familie! Wir werden hier unterschiedliche Zugänge finden. Bevor wir diesbezüglich einen Weg beschreiten, werden wir uns mit unseren Zielen Beschäftigen und den Prozess der Crew-Werdung anstoßen. Damit möchte ich darauf hinweisen, dass die Entwicklung der Crew – das Wachsen als solches – bereits eine Aufgabe sein wird, der wir uns widmen wollen. Und das gilt auch für den Halbtagesausflug. Aus unserer Mitte heraus und im Verbund unserer Crew werden wir uns dann auf zum Training machen. Das Lernen selbst steht im Zentrum. Viel zu oft widmen wir uns dem Erlangen von Lizenzen, und das so schnell wie möglich. Wenn wir aber nicht gerade auf einem Segelschiff aufgewachsen sind, müssen wir unseren Sinnen Zeit geben, um die Dynamik von Wind und Wasser in die neuronalen Bahnen zu speichern. Wir werden also versuchen die Seele des Segelns zu erfassen. Segeln ist eine sehr alte Kulturtechnik und somit ist auch genügend Wissen in der weltweiten menschlichen Kultur vorhanden. Ich hatte das Glück, auf Trainer zu stoßen, die diese Seele in sich tragen – sie waren früher Staats- und sogar Weltmeister, Seefahrer oder Hippies. Ich bin sehr dankbar von diesen lieben Kolleginnen und Kollegen noch heute lernen zu dürfen. Es ist die Seele, die segelt und sich den Verstand zu Nutze macht.
Fair Winds!
Michael


Comments are closed